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Viele Fragen, wenig Antworten: Hochschulwebsites zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Dass Jugendliche das Internet intensiv nutzen, um sich über Studienmöglichkeiten und ihre Studienwahl zu informieren, ist weder neu noch überraschend. Die Internetnutzung gewinnt seit Jahren zunehmend an Bedeutung: 18- bis 19-Jährige sind durchschnittlich bis zu drei Stunden täglich online. Natürlich beschränkt sich die Nutzung dabei nicht ausschließlich auf die Recherche von Informationen. Das Internet wird von Jugendlichen hauptsächlich zum Kommunizieren (soziale Netzwerke, Chat etc.) und zur Unterhaltung genutzt. Dennoch zeigen die Ergebnisse der JIM-Studie [1], dass mit zunehmendem Alter der Jugendlichen das Internet als Informationsquelle (auch für wichtige Entscheidungen wie z.B. die Studienwahl) an Bedeutung gewinnt.[2]

Nach dem Websitebesuch sind Studieninteressierte verwirrter als zuvor

Im Prozess der Studienwahl konzentrieren sich Studieninteressierte auf das Informationsangebot von Hochschulwebsites: neun von zehn Jugendlichen bewerten die hochschuleigenen Internetpräsenzen als die am meisten geeignete Informationsquelle für die Studienentscheidung.[3]

Weitere Informationsangebote wie sie z.B. Portale, Communities und Hochschulrankings werden von angehenden Studenten als weniger bedeutsam eingestuft. Zudem werden die hochschuleigenen Internetpräsenzen als sehr glaubwürdig eingeschätzt. 97 % der Befragten der EDUCON-Studie vergeben hinsichtlich Relevanz und Glaubwürdigkeit Spitzenwerte an die Hochschulwebsites. Eine derart positive Bewertung verdeutlicht aber auch die hohen Erwartungen und Anforderungen der Nutzer: Von einer als wichtig und glaubwürdig eingestuften Informationsquelle wünscht sich der Nutzer eigentlich ein Angebot, das Fragen klärt sowie Beratung und Orientierung bietet.

Nun zur überraschenden Tatsache: zwischen dem Anspruch der Studieninteressierten an Hochschulwebsites und den tatsächlich aufbereiteten Inhalten dieser Seiten klafft eine enorme Lücke.

44 % der Jugendlichen fällt es schwer, Antworten auf gesuchte Informationen zu finden und 72 % bleiben nach dem Websitebesuch sogar mit offenen Fragen zurück.[4] Die größten Kritikpunkte: die Unübersichtlichkeit der Website, eine unklare Menüführung und hinderliche Auffindbarkeit von Erstinformationen. Zudem wird Studieninteressierten häufig nicht klar, wer die Ansprechpartner sind und wo bzw. wie der Erstkontakt erfolgen soll.[5]

Hochschulwebsites als Elfenbeinturm?

Die Wahl eines Studienfaches ist sicherlich kein einfacher Prozess. Besonders, wenn Jugendliche bereits beim ersten Besuch der Website feststellen, wie orientierungslos sie sind und anschließend sogar noch viele Fragen offen bleiben. Man wird den Eindruck nicht los, dass der akademische Grad schon von Anfang an hart erarbeitet sein will – wer studieren möchte, braucht eben Ausdauer und Disziplin, wieso nicht mit diesen Tugenden bereits im Vorstadium des Studiums beginnen!

Hochschulwebsites müssen unterschiedlichen Zielgruppen (Studenten, Forschern, Studieninteressierten, Eltern, Mitarbeitern etc.) Informationszugang und Einstiege bieten. Um den vielfältigen Anspruchsgruppen von Hochschulen gerecht zu werden, ist die Darstellung aller Bereiche, Institutionen, Fakultäten etc. ­­‑ der gesamten internen Struktur – scheinbar unausweichlich. Doch genau diese Überfrachtung durch Multifunktionalität wird der nahezu wichtigsten Zielgruppe von Hochschulen, den Studieninteressierten, nicht gerecht. Eine von der Technischen Universität Dresden in Auftrag gegebene Studie unter Erstsemestern zeigte, dass ein zielgruppenrelevanter Zugang gewünscht ist. Auch bei Erstsemestern, so die Ergebnisse der Studie, bestehe ein erhöhtes Orientierungs- und Beratungsbedürfnis.[6]

Den akademischen Nachwuchs „abholen“

Auch wenn die nächsten Generationen an die Hochschulen drängen und damit für einige Jahre der Effekt des demografischen Wandels vermindert wird, sollte bereits jetzt schon ein zukunftsfähiges Konzept für zielgruppenrelevante Websitezugänge und -bereiche erarbeitet werden.

Ob die für Studieninteressierte und Erstsemester aufbereiteten Informationen innerhalb eines gesonderten Bereiches auf der Website oder als Landingpage (einer eigenständigen kleinen Website) bereitgestellt werden, sei dem Geschmack und den Mitteln der Hochschule überlassen. Für die Konzeption und Gestaltung des spezifischen Zielgruppeneinstieges wird jedoch Web-Know-How benötigt. Erst die eingehende Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen und Fragen der Studieninteressierten vermittelt ein Gefühl dafür, welche Art von Informationen bereitgestellt und vor allem in welcher Form diese aufbereitet werden sollten.  Mit Hilfe empirischer Forschungsmethoden wie z.B. Fokusgruppeninterviews erfährt man sehr genau, was die angehenden Generationen von Hochschulwebsites erwarten.  Werden Usability Tests oder Eye-Tracking-Verfahren im Anschluss an die (Neu-)Gestaltung des Websiteangebotes eingesetzt, geben diese Aufschluss über die Benutzerfreundlichkeit und klären, ob die Anforderungen auch umgesetzt wurden.

 


[1] In der JIM- Studie (Jugend, Information, Multimedia) erhebt der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest in einer repräsentativen Umfrage jährlich den Medienumgang der 12- bis 19-Jährigen in Deutschland.

[2] Vgl. JIM-Studie 2010; JIM-Studie 2011

[3] Vgl. Educon-Studie  2011 zur Internetnutzung für Studieninformation und Studienentscheidung sowie Kurzversion der Studie (PDF); Reindl/ Weiß (2012): Studienberatung online – eine hybride Beratungsform für Studierende und Studieninteressierte. In: Fachzeitschrift für Onlineberatung und computervermittelte Kommunikation, 8. Jg, Heft 1, Artikel 6 (Download PDF).

[4] Vgl. Educon-Studie 2011

[5] Vgl. Konzept Papier der TUD für eine Landingpage (Download PDF)

[6] Vgl. Studierendenservice 2010, Dortmunder Befragung

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