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Wie gehen Studieninteressierte bei der Hochschulwahl vor?

Die Wahl des richtigen Studiengangs und der passenden Hochschule ist eine komplexe Entscheidung, in die viele Faktoren einfließen. Mental Models sind eine Möglichkeit diesen vielschichtigen Prozess darzustellen. Aperto hat sich daher überlegt, dass ein Mental Model helfen würde, Studieninteressierte besser zu verstehen. Basierend auf Interviews mit Abiturienten haben wir ein Mental-Model-Diagramm erstellt, das zeigt wie Studieninteressierte bei der Hochschulwahl vorgehen. Bei der Fachtagung der GIBeT war das Mental Model Thema eines Workshops. Studienberater von deutschen Hochschulen diskutierten anhand des Mental-Model-Diagramms ihre bestehenden Kommunikations-Angebote sowie mögliche Lücken.

Mental Model: Mehr über den Prozess der Entscheidungsfindung von Studieninteressierten erfahren

Eine Reihe an Studien beschäftigt sich bereits mit der Frage, wie die Entscheidung für einen Studiengang und eine Hochschule beeinflusst wird. So wurden beispielsweise im Auftrag der Kampagne „Studieren in Fernost“ 16- bis 24-jährige im Juli 2012 zur Hochschulwahl befragt. Auch Hochschulen selbst beschäftigen sich vermehrt mit dem Thema. Die Technische Universität Ilmenau etwa führt regelmäßig eine Erstsemesterbefragung durch. Studien, die untersuchen, wie Studieninteressierte konkret bei ihren Recherchen vorgehen, gibt es dagegen kaum.

Eine Möglichkeit um den Entscheidungsprozess für die Wahl eines Studiengangs und einer Hochschule zu verstehen, sind Mental Models. Sie gehören zu den qualitativen Forschungsmethoden. Der Begriff „Mental Model“ stammt ursprünglich aus der Kognitionspsychologie. Wikipedia bezeichnet mentale Modelle kurz als „Repräsentation eines Gegenstandes oder eines Prozesses im Bewusstsein eines Lebewesens“.[1] Im Zusammenhang mit User Experience wurde der Begriff von Indi Young aufgenommen und in ihrem Buch „Mental Models: Aligning Design Strategy with Human Behavior“[2] beschrieben.

Das von Young beschriebene Diagramm zeigt alle Schritte auf, die Menschen vollziehen, um ein Ziel zu erreichen oder eine Aufgabe zu erledigen. Mental Models schaffen Verständnis für komplexe Prozesse, etwa den Kauf einer Immobilie, die Planung einer Reise oder eben die Entscheidung für einen Studiengang und eine Hochschule. Die Darstellung des Diagramms basiert auf Interviews mit Nutzern. Der Vorteil von Interviews besteht darin, dass sie die Möglichkeit bieten, mehr über die Motivationen, Wünsche, Herangehensweisen, aber auch Hürden zu erfahren. Kurz gesagt, sie eröffnen neue Perspektiven. Die Ergebnisse aus den Interviews werden anschließend in Form eines Mental-Model-Diagramms aufbereitet. Mental Model werden vor allem dazu verwendet, die Nutzer und ihre Bedürfnisse besser zu verstehen. Aufbauend auf den gewonnenen Erkenntnissen können bessere oder sogar neue Services entwickelt werden.

Um Studieninteressierte und ihr Vorgehen besser zu verstehen, haben Konzepter bei Aperto ein Mental Model erstellt. Ausgehend von der Fragestellung „Wie gehen Studieninteressierte bei der Hochschulwahl vor?“ haben wir vier einstündige Interviews mit Abiturientinnen und Abiturienten aus diesem Jahrgang durchgeführt. Die Transkripte der Interviews wurden anschließend nach Tätigkeiten durchkämmt. Bevor das Diagramm gezeichnet werden konnte, wurden die Tätigkeiten noch gruppiert. [3] Für die Zukunft planen wir weitere Interviews zur Validierung des Modells sowie eine Online-Umfrage.

 

Die Wahl des richtigen Studiengangs: Ein komplexer Prozess mit vielen Einzelschritten

Das von Aperto erstellte Mental-Model-Diagramm für Studieninteressierte zeigt, dass die Wahl des richtigen Studiengangs und der Hochschule ein sehr komplexer Prozess ist, der aus vielen Einzelschritten besteht: Von „Beschäftige mich allgemein mit meiner beruflichen Zukunft“ bis zu „Rufe beim Studienberatungsbüro der Uni an“ – die verschiedensten Tätigkeiten wurden erfasst und dargestellt.

Die Studieninteressierten werden im Verlauf des Prozesses immer informierter und reduzieren ihre Auswahl. In der ersten Phase beschäftigen sich die Studieninteressierten allgemein mit ihrer beruflichen Zukunft. Anschließend erfolgt die Recherche nach Studiengängen und nach Universitäten. Im nächsten Schritt prüfen die Studieninteressierten, ob die Studiengänge ihrer engeren Wahl zu ihnen passen. Besonders wichtig ist dabei der Austausch mit dem sozialen Umfeld, insbesondere mit Freunden und Mitschülern.

Nach der Auseinandersetzung mit den eigenen Fähigkeiten und Interessen in Bezug auf einen Studiengang beschäftigen sich die Studieninteressierten mit einem konkreten Studiengang und den Zugangsvoraussetzungen. In der letzten Phase erfolgt die Entscheidung für einen Studiengang und eine Uni sowie die Bewerbung. Bei der Entscheidung für eine Universität ist die Nähe zum Heimatort ein wichtiges Kriterium. Allerdings kann die Bekanntgabe des Notendurchschnitts ein wichtiges Ereignis sein, das die ursprüngliche Entscheidung verändert. Für diesen Fall beginnt der Rechercheprozess wieder von vorn. Die Wahl des richtigen Studiengangs und einer geeigneten Hochschule ist also trotz seiner linearen Darstellung als zirkularer Prozesse zu verstehen, bei dem sich einzelne Schritte wiederholen und überschneiden können.

Ein Mental Model regt zu Diskussionen der bestehenden Angebote an

In einem Workshop im Rahmen der Fachtagung der GIBeT haben wir das Mental Modell zum Vorgehen von Studieninteressierten vorgestellt und mit den Studienberatern ihre bereits vorhandenen Services diskutiert. Dafür haben die verschiedenen Gruppen des Workshops jeweils einen Abschnitt des Models erhalten. In der ersten Workshop-Runde überlegte jeder Teilnehmer für sich, welche Angebote seine Hochschulen anbietet, um die im Mental-Model-Diagramm dargestellten Bedürfnisse zu unterstützen.

Im nächsten Schritt haben die Teilnehmer innerhalb der Gruppen ihre Angebote den einzelnen Schritten des Mental Models zugeordnet und gemeinsam diskutiert. Dabei entstand ein reger Austausch zwischen den Teilnehmern der einzelnen Workshop-Gruppen, denn die detaillierte Betrachtung des Studienorientierungsprozesses fördert die Diskussion. In den Gruppen erfuhren die Studienberater, welche Angebote andere Hochschulen anbieten, um die Bedürfnisse der Studieninteressierten zu unterstützen. Die Teilnehmer des Workshops bewerteten diese Möglichkeit zur Reflexion als sehr förderlich für die Einordung des eigenen Angebots.

Der Workshop bot aber auch die Möglichkeit, über Verbesserungspotenziale des Angebots für Studieninteressierte zu diskutieren. Das Mental Model sorgte dabei für neue Einsichten bei den Teilnehmern des Workshops. Die Diskussion orientierte sich an den Bedürfnissen der Zielgruppe und im Mittelpunkt der Diskussion stand die Frage: „Mit welchen Angeboten können wir die Bedürfnisse der Studieninteressierten besser unterstützen?“.

 

Angebote für Studieninteressierte gezielt verbessern

Durch die Zuordnung der bestehenden Angebote zu den einzelnen Tätigkeiten im Mental Model wurden auch Lücken im eigenen Angebot deutlich. Die ausführliche Diskussion über Servicelücken bietet einen interessanten Ansatz für das Hochschulmarketing und die Studienberatungen an den Hochschulen, denn das Mental Model schafft eine bedürfnisorientierte Diskussionsgrundlage, um Angebote für die Studienorientierung zu verbessern.

Der Vorteil von Mental Models liegt im Gegensatz zu evaluativen Verfahren (Usability Tests, A/B Testing oder Card Sorting) und Methoden zur Erfassung von Präferenzen (Fragebögen, Umfragen usw.)[4] darin, dass sie zu Innovationen und neuen Designstrategien führen können. Das heißt, dass wir durch die Mental Model nicht verbesserungswürdige Angebote finden, sondern auch Aspekte, an die wir vorher nicht gedacht haben.

Mental Models sind aber auch dazu geeignet, Stakeholder aus verschiedenen Referaten und Dezernaten einer Hochschule an einen Tisch zu bringen. Oftmals reden die Mitarbeiter aus verschiedenen Abteilungen nur wenig oder schlimmstenfalls gar nicht miteinander. Die Diskussion ausgehend von der Perspektive der Studieninteressierten (und mit Hilfe der Mental Models) fördert einen sachlichen und nutzerorientierten Austausch über Ausrichtung, Aufteilung und konkrete Maßnahmen der Hochschulkommunikation.

Slideshare vom Workshop

Download

Mental Model Aperto Studieninteressierte – Das gesamte Mental Model Ergebnis als PDF (566kb).


Quellen

[1]  http://de.wikipedia.org/wiki/Mentales_Modell

[2]  http://rosenfeldmedia.com/books/mental-models/
http://www.youtube.com/watch?v=M4AsxNg9nNU

[3]  In einer separaten Präsentation finden Sie die Vorgehensweise ausführlich erläutert: http://www.slideshare.net/sfreimark/mental-models-mit-notizen

[4]  Eine Gegenüberstellung der verschiedenen Verfahren und ihre Einsatzmöglichkeiten finden Sie in folgender Präsentation: http://de.slideshare.net/Karena16/mental-model-basis-fr-eine-nachhaltige-informationsarchitektur

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